Wie sadistisch dürfen Dystopien sein?

Ich habe viel zu lange keinen richtigen Artikel mehr geschrieben und nutze eine heutige Nachtschicht (nein, nicht auf der Arbeit!) dazu, endlich mal wieder über ein Thema zu schreiben, das mich wirklich bewegt. Es betrifft die Serie Black Mirror auf Netflix, die wohl eine der ernstesten und philosophischsten Serien der letzten Jahre ist. In jeder einzelnen Folge wird eine bestimmte Dystopie einer möglichen Jetzt-Zeit oder nahen Zukunft aufgegriffen und in einer sehr pessimistischen Weise ausgemalt, manchmal bis ins Pervertierte. Ein Ziel ist es, herauszustreichen, welche Wendungen unsere gerade technologische Gesellschaft nehmen könnte, wenn wir nicht aufpassen.

Hier treten nun zwei alte Hasen der Blogosphäre auf den Plan: René Walter von Nerdcore hat die vierte Staffel, die letzte Woche erschien, einzeln rezensiert. Dazu schrieb Felix Schwenzel auf seinem Blog wirres.net, dass er die Serie für zu dystopisch, sadistisch und geradezu pornografisch halte. Sie zelebriere den Pessimismus in einer Weise, die unrealistisch wäre und die Menschlichkeit zu kurz kommen ließe.

Ich plädiere hier dafür, dass diese Serie das darf. Sie kann und muss – als Genre-Kunst, als Sparte – diesen Sadismus zeigen können, auch so geballt. Das heißt nicht, dass er nicht vorkommt. Aber es wäre möglich, dass der Sadismus in einer Gesellschaft, die nicht aufpasst und sich dagegenstellt, gewinnt und zum sozialen Zwang wird, um nicht unterzugehen. Und diese Situation versucht Black Mirror zu zeigen, versucht die pervertierte Gesellschaft, diese Möglichkeit aufzuzeigen. Es kann auch anders kommen, doch wir müssen aktiv dazu beitragen.

Schauen wir uns einen der großen dystopischen Romane, 1984, an. Dort ist ein menschlicher Protagonist gefangen in einem System, das ihn mittels unmenschlicher Methoden zu kontrollieren. Seine Mitarbeit wird hintergangen, er wird gefoltert, seine menschlichen Bedürfnisse nach Freiheit, eigenen Gedanken und Zweifeln untergraben und am Ende läuft das System unbeirrt weiter.

Würde Schwenzel auch hier argumentieren, dies sei pervertierter Sadismus, das sei alles zu pessimistisch? Wie realistisch ist dieses Szenario? Und: Wie pessimistisch darf Literatur bzw. allgemein eine Erzählung sein? Ist es nicht auch Aufgabe der Kunst, uns negative Konsequenzen in einer Überspitzung darzulegen? Ich halte dies für einen drastischen, aber manchmal notwendigen Weg und mag das sehr an Black Mirror. Die vierte Staffel werde ich ebenfalls schauen (, weshalb ich die Rezensionen René Walters noch nicht gelesen habe).

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2 Kommentare

  1. ums dürfen, die aufgaben der kunst oder gar die kunstfreiheit gings (mir) ja nicht. mir gings ums mögen, wie der erste satz in meinem text bereits andeutet. es darf ja auch porno oder horror oder helene fischer geben. nur mögen muss man die eben nicht. 1984 mochte ich übrigens auch nie besonders und ja, ich finde und fand 1984 zu pessimistisch.

    1. Ja, im Grunde weiß ich das. Ich habe es einmal überspitzt. Ich mag die Dystopien aber gerade deshalb, weil sie so pessimistisch sind. Sie zeigen uns Möglichkeiten auf, die ja nicht alle Realität werden müssen – weil wir uns durch die Dystopien der Gefahren bewusster werden.

      Trotzdem hast du Recht, vielleicht habe ich den Sinn deines Textes ein wenig entstellt.

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