Schule in einer Pandemie

Der Alltag vieler Menschen ändert sich in einer Pandemie signifikant. Schon im März schrieb ich über Änderungen in der Schule, die im Homeoffice stattfindet. Seitdem ist viel passiert und gleichzeitig erstaunlich wenig passiert. Hier möchte ich ein paar Schlaglichter werfen.

Wöchentliche Änderungen

Während der letzten Monate gab es teils jeden Monat, in den letzten Wochen teils wöchentlich Änderungen im Hygienemaßnahmenplan. Dabei gab es immer wieder Hinweise, in welchem Raum was erlaubt wäre und welche Hinweise wir den Schüler*innen zu geben hätten. Das mag immer hilfreich sein, doch am Ende ist das eine gedankliche Belastung, selbst als Lehrkraft nicht immer zu wissen, was aktuell gerade erlaubt ist. Masken ja, Masken nein, Hände desinfizieren (mit welchem Desinfektionsmittel?), Hände nur waschen, Materialien nicht austauschen, Kinder mit Erkältungssymptomen dürfen unter keinen Umständen die Schule besuchen, dann dürfen sie es doch, „weil wir ja sonst im Herbst leere Schulen“ hätten. Dann kam die Maskenpflicht im Unterricht, zu Beginn natürlich das Lüften, das bis zum letzten Schultag im Dezember durchgezogen wird. Kuscheldecken inklusive.

Achtung!

Doch was das für den Unterricht bedeutet, kann sich kaum jemand, der*die nicht in einem Bildungsberuf arbeitet, vorstellen. Bildung funktioniert nur bei Aufmerksamkeit und einem Fokus auf einen bestimmten zu lernenden Sachverhalt. Diese Aufmerksamkeit ist sofort dahin, sobald jemand aufsteht, das Fenster öffnet, die Decke geschnappt wird, damit am Fenster keine Erfrierungen auftreten. Zusätzlich gibt es draußen wahlweise Straßenverkehr, Baulärm, Regen, kreisende Hubschrauber, Parallelschulen oder Kitas im Umkreis, bei denen die Kinder draußen spielen. Die Konzentration bei diesen Bedingungen zu halten, ist eine Herausforderung. Sein eigenes Wort zu verstehen und das bei 28 Kindern im Raum sicherzustellen, während die Maske die Verständlichkeit zusätzlich trübt, ist ein Kunststück.

Kann ich mal deinen Stift haben?

Auch der verbotene Materialaustausch ist eine echte Herausforderung. Gruppenarbeiten, die Spaß machen, sind damit fast ausgeschlossen. Engerer Kontakt ist ja sowieso mit Vorsicht zu genießen. Also ist mensch hauptsächlich auf Einzelunterricht und Partnerarbeiten begrenzt. Das kann schnell eintönig werden.

Zusätzlich stellen sich neue Fragen: Wenn ein*e Schüler*in Materialien nicht dabei hat, sind diese vom Unterricht ausgeschlossen? Können sie überhaupt mitmachen? Darf die Lehrkraft Materialien an diese Kinder verleihen? Was ist überhaupt mit Arbeitsblättern und Tests? Dürfen diese verteilt werden? Diese und ähnliche Fragen stellen blickige Kinder natürlich und hier können wir als Lehrkräfte nur darauf verweisen, dass diese Widersprüche auszuhalten sind. Wir könnten entweder die Kinder ausschließen oder ihnen etwas leihen. Auch Arbeiten müssen wir irgendwie austeilen, auch wenn es ein Risiko darstellt. Insofern müssen die Lehrkräfte diese Verantwortung übernehmen, statt sie den Kindern zu überlassen, wenn diese Materialien tauschen.

Diese Widersprüche sorgen auch für endlose Diskussionen innerhalb der Lehrerzimmer. Sie sind täglich offenbar, doch auflösen kann sie niemand, der effektiv arbeiten möchte. Dann müssten wir den Betrieb sofort einstellen, aber das wäre eine ebenso unpraktikable Maßnahme. So versuchen wir, die größten Widersprüche zu umgehen und halbwegs sinnvolle Lösungen zu finden.

Diskussion um Schulöffnung und -schließung

Auch uns beschäftigt seit Beginn der Pandemie diese Frage. Sollten wir die Schulen offen halten, um den Kindern bestmögliche Bildung zu bieten? Sollten wir sie schließen, um Leib und Leben zu sichern?

Leider ist die Diskussion nicht mit zwei Argumenten erledigt. Auch in der öffentlichen Debatte sieht mensch hier immer wieder verschiedene Argumentationsfelder. Natürlich geht es um die Effektivität der Bildung, doch andererseits ist sie in der Schule nicht immer am besten, auch wenn dies ein wichtiger Faktor ist. Natürlich geht es um Abschlüsse, die wir nicht nur jedem*r Schüler*in bestmöglich ermöglichen wollen. Natürlich geht es um die Funktionalität der Wirtschaft – die Eltern sollen arbeiten gehen können, gerade mit den jüngeren Kindern. Aber auch die älteren Kinder und Jugendlichen haben Hilfe und Gemeinschaft im eigenen Heim nötig und verdient. Natürlich geht es darum, Kinder aus den Problemfamilien für ein paar Stunden herauszuholen. Sie sind zu Hause psychischem und physischem Druck ausgesetzt, doch ist das in der Schule immer anders? Auch hier gibt es problematische Beziehungen zu anderen Kindern, manche sind auch von Schulangst geplagt. Natürlich versuchen wir Lehrkräfte dies zu verhindern, doch wir können nicht alle Konflikte im Blick behalten. Manchmal entziehen sie sich auch einfach unseren Blicken.

Natürlich geht es auf der anderen Seite um den Fernunterricht, der in Deutschland nicht flächendeckend gut organisiert ist. Zu häufig haben wir mit Familien zu tun, die keine ausreichende Internetverbindung bieten können. Zu oft kämpfen wir mit der Infrastruktur der Schulen. Selbst wenn Lernportale vorhanden sind, was nicht überall gegeben ist, weisen diese nicht immer die nötige Kapazität auf. Dies haben wir im März letzten Jahres mit dem Zusammenbruch von Moodle erlebt, in diesem Winter erneut mit dem Zusammenbruch der Infrastruktur mindestens in Sachsen, Berlin, Rheinland-Pfalz, teils auch in Sachsen-Anhalt. Doch ich könnte guten Fernunterricht anbieten, der effektiver wäre als Unterricht in der Schule, der regelmäßig davon unterbrochen wird, dass wir lüften müssen und vom Lärm draußen abgelenkt werden. Kranke Kinder werden so auch ausgeschlossen, und sie werden häufiger krank bei häufiger Lüftung. Doppelte Arbeit ist nicht möglich, also gleichzeitig digital und vor Ort. Streaming über Kameras ist vom Schulbudget nicht gedeckt. Auch die Internetverbindung würde nicht ausreichen, wenn dies mehrere Klassen so handhaben.

Natürlich geht es auch um Verwaltungen, die keine ausreichenden Planungen vornehmen, teils nicht vornehmen können, weil Personal fehlt. Teils fehlt ihnen aber auch der Bezug zur Praxis. Wir diskutieren an den Schulen regelmäßig mit Landesschulamt oder städtischer Verwaltung, ob bestimmte Vorhaben umsetzbar sind. Bekannt geworden sind genug Fälle, in denen Luftfilter sogar gesponsert werden könnten, doch nicht eingesetzt werden dürften, weil die Rechtssicherheit nicht gegeben wäre. Oft genug geht es auch um digitale Lösungen, die nicht umsetzbar sind (s.o.).

Natürlich geht es schließlich aber auch um die Gesundheit der Kinder, der Lehrkräfte und aller jeweiligen Angehörigen. Oft genug wurde über Infektionen an Schulen gesprochen, oft genug haben Kultusminister sie negiert, um Schulöffnungen zu rechtfertigen. Zu lange wurden die Augen vor der Infektionsgefahr geschlossen. Bei Lehrkräften und Kindern zerrt diese Sorge um die Gesundheit zusätzlich an den Nerven, obendrauf noch die Diskussion um Schulschließung. Dies ist eine Belastung, die viele überfordert, das sehe ich in meinem Kollegium und versuche mich selbst davon zu befreien. Ich bin allerdings auch in der privilegierten Lage, relativ jung und gesund zu sein sowie auf meine Kontakte achten zu können. Meine Familie wohnt hunderte Kilometer entfernt, in meiner Freizeit muss ich aktuell niemanden treffen, da der Sport sowieso pausiert. Doch selbst ich merke, dass die ständige Diskussion psychisch belastet und das wirkt sich auf meinen Unterricht aus. Ist der Unterricht vor Ort unter diesen Bedingungen also besser als aus der Ferne? Ist der Schulabschluss unter diesen Bedingungen also bestmöglich? Das mag jede*r selbst entscheiden.

Es ist nicht vorbei

Wir haben die Pandemie jedenfalls noch lange nicht überstanden. Aktuell stehen wir am Anfang von Impfungen der älteren Bevölkerung und der medizinischen Berufe. Ich gehe auch davon aus, dass zum Ende des Jahres noch nicht alle Menschen geimpft sind, die geimpft werden wollen. Das bedeutet, dass wir uns nach nun fast einem Jahr ständigem Hin und Her auf eine Strategie einigen müssen, sodass wieder effektive Arbeit möglich ist. Diese Strategie muss aber auch zukunftssicher sein. Krisen wird es immer wieder geben, daher müssen wir halbwegs eine Idee davon haben, wie Schule, wie Bildung möglich ist, wenn eben nicht alles glatt läuft.

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