Sozialismus

Kevin Kühnert: Nachdenken über den Sozialismus

Kevin Kühnert gab in der Zeit ein Interview (leider mit Paywall) über Vorstellungen von Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen, sozialer Gerechtigkeit und Verantwortung großer Unternehmen. Daraufhin gab es eine Fülle an Reaktionen, die seine Vorstellungen kritisieren. Das ist mal milde Kritik und zu einem guten Teil auch Monstermalerei: Kühnert will laut Aussage einiger die Wirtschaft zerschlagen, Planwirtschaft einführen und alle Kapitalisten enteignen. Das ist – wie Mely Kiyak feststellt – jedoch gar nicht sein Ziel. Sie analysiert, dass Kühnert lediglich über eine kontrafaktische Ordnung sinniert und so auch die Fragen gestellt seien – wie es sein könnte, aber ohne konkrete Forderung.

Zum einen hat Kiyak Recht, dass das laute Nachdenken zur Politik dazugehören müsste. Sie arbeitet heraus, dass dieses Gespräch immer vage bleibt, nicht unbedingt konkrete Postulate aufgestellt werden, sondern die Möglichkeiten versucht auszuloten. Dies ist jedoch eigentlich schon lange ein Mechanismus des Politikbetriebs: Es werden mögliche Vorstellungen in die Medien „geschossen“ und getestet, wie diese ankommen. Werden sie wohlwollend aufgenommen, arbeitet die Partei in die entsprechende Richtung weiter. Sollte die Idee sehr negativ kommentiert werden und auf Widerstand stoßen, werden Korrekturen vorgenommen. Nicht immer, aber doch recht regelmäßig.

Zum anderen moniert Kiyak, dass die Diskussionkultur in der Öffentlichkeit sehr dysfunktional abläuft:

Es gibt in Deutschland eine sehr diverse Diskussionskultur, die jedoch kaum Resonanz in der größeren Öffentlichkeit findet. Auf Theaterbühnen, Kongressen, Literaturhäusern und vielen unterschiedlichen Diskursplattformen hört man Vorträge und Gespräche von Politikwissenschaftlern, Soziologen, Philosophen, und immer denkt man sich, warum kann so ein Vortrag nicht der Anfang eines größeren Deutschlandgesprächs sein, das die Frage beantwortet „Wie wollen wir leben?“ oder „Wem gehört die Welt?“ oder einfach nur: „Ginge es auch alles etwas anders als bisher?“

Doch die Frage lässt sich recht leicht beantworten: Warum wird dies nicht in den Medien so abgebildet? Die Diskussionen in kleineren Kreisen können auf ein sichereres Weltwissen und auf eine gemeinschaftliche Basis zurückgreifen. In einer breiteren Masse, in der das Publikum kaum bekannt ist, muss auf viel basalerer Ebene diskutiert werden. Viele Begriffe, die ich mit Philosophen, Soziologen oder anderen Wissenschaftlern diskutieren kann, sind einem heterogeneren Publikum gar nicht verständlich. Nun kann mensch anhand dessen die „Abgehobenheit“ der Wissenschaft bemängeln, aber dies trifft auch nicht ganz zu. Bestimmte Fachtermini gibt es in jeder Wissenschaft, die müssen einfach feststehen, um weiterführende Diskussionen zu ermöglichen.
Wenn ich aber all diese Termini noch einführen und erklären muss, dann bedeutet dies eine längere begriffliche Exegese – und diese mag die breite Masse an Lesern, Hörern oder Zuschauern ebenfalls nicht unbedingt. Die meisten wollen doch eher nicht 90 Minuten diskutieren, worin der Unterschied zwischen einer Gesellschaft und einer Gemeinschaft besteht.

Zusätzlich bedeutet öffentliche Diskussion so selten öffentliches Nachdenken, weil ein guter Teil der Demokratie nicht der Kampf um die besten Ideen ist, sondern Konkurrenz um Mandate und Macht. Diese Konkurrenz führt politische Parteien (oder Einzelpersonen) häufig dorthin, dass sie mit allen Mitteln ihre Macht verteidigen oder diese zu erlangen versuchen – sei es Polemik, Parodie, absurde Argumente, Empörung oder andere Strategien. Daher funktioniert eine Debatte in größerer Öffentlichkeit anders als in einem Literatursalon.

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